Halbmarathon in Taiwan: Kein bisschen wacklig

| Text Christian Ermert | Fotos: Vincent Lyky (4), Christian Ermert (4), Adobe Stock (1)

Beim ersten EVA Air Marathon in Taipeh waren über 18.000 Läufer am Start. Darunter eine Reisegruppe aus Europa mit LÄUFT.-Chefredakteur Christian Ermert. Hier schildert er seine Eindrücke von dem Lauf durch Taiwans Hauptstadt und von einer Reise durch ein wunderschönes, aber auch von Erdbeben bedrohtes Land.

Große Erlebnisse beim Halbmarathon in Taipeh

Erdbeben gibt es in Taiwan fast jeden Tag. Und doch hat man dort ein Hochhaus gebaut, das mit über 500 Metern zu den höchsten der Welt gehört. Auch bei der Reise zum EVA Air Marathon in der Hauptstadt Taipeh bebte die Erde. Aber unsicher fühlte sich niemand. Und der Halbmarathon zu Füßen des „Taipei 101“ war genauso ein großes Erlebnis wie die Abstecher zu den (noch) selten von Ausländern besuchten Naturschönheiten des Landes.

Der nächste EVA Air Marathon findet am 27. Oktober 2019 in Taipeh statt. Hier erfährst du mehr und kannst dich bald anmelden.

Der Taipei 101 trotz mit 500 Metern der Erdbebengefahr

Plötzlich vibriert das Smartphone und eine rote Warnung leuchtet auf. Ein Erdbeben. Genau da, wo sich unsere Reisegruppe laut Google gerade aufhalten soll. Aber zu spüren ist nichts. Wir sind unterwegs in den immerfeuchten Bergwäldern Taiwans. Hier oben, in über 2000 Metern Meereshöhe, wackelt nichts. Vor unserem Start beim EVA Marathon in Taipeh nutzen wir die Gelegenheit, die Natur der Insel vor der Ostküste Chinas zu erkunden, bevor wir zum Laufen in die Hauptstadt Taipeh zurückkehren.

Dorthin, wo grade die Erde mit der Stärke 6,0 gebebt hat, ohne dass es Verletzte oder große Schäden gegeben hat, wie wir später auf einem Nachrichtenportal lesen werden. Und dorthin, wo wir nur wenige Tage zuvor mit einem superschnellen Fahrstuhl auf eins der höchsten Gebäude der Welt gesaust sind, dessen Aussichtsplattform sich fast 500 Meter über der Stadt befindet. Die beiden Gedanken zusammen erzeugen rückblickend immer noch ein etwas mulmiges Gefühl. Auch wenn Reiseleiterin Lily bei unserem Besuch des Bürohochhauses „Taipei 101“ genau erklärt hat, wie der 508 Meter hohe Turm auch Erdbeben der Stärke acht und mehr standhalten soll.

Zwischen dem 87. und 92. Stockwerk des Hochhauses hängt eine 660 Tonnen schwere Stahlkugel an 16 oberarmdicken Trossen. Sie soll das Gebäude wie ein riesiges Pendel ausbalancieren, wenn es ins Wanken gerät. Bei dem Erdbeben, das kurz vor dem Marathon Taipeh erschüttert hat, gelang das genauso perfekt wie bei allen anderen zuvor.

Bei seiner Fertigstellung 2004 war das Gebäude mit 101 Stockwerken das höchste seiner Art weltweit. Nie zuvor war ein dermaßen hohes Bauwerk in einer so erdbebengefährdeten Region errichtet worden. Mittlerweile wurden neun Hochhäuser fertiggestellt, die noch höher aufragen – darunter mit dem 830 Meter hohen Burj Khalifa in Dubai das höchste Gebäude der Welt.

Das steht allerdings in einer tektonisch weit ruhigeren Gegend. Taiwan liegt am sogenannten pazifischen Feuerring, wo rund um den Pazifik verschiedene Erdplatten aneinanderstoßen. Hier gibt es jede Menge Vulkane und Erdbeben. Bei Taiwan treffen die pazifische und die philippinische Kontinentalplatte aufeinander. Der Erdboden zittert fast täglich. Schwere Erdstöße der Stärke sechs bis acht kommen fast jedes Jahr vor.

Heiße Quellen mit vulkanischem Wasser – ohne Schwefelgeruch

Doch an dem Tag, als bei unserem Besuch die Erde bebte, haben wir davon nichts bemerkt. Wir haben stattdessen die angenehmen Seiten der Lage des Landes am pazifischen Feuerring genossen. In den Bergen Taiwans gibt es zahlreiche heiße Quellen, aus denen das Wasser – von unterirdischem Magma erhitzt – mit über 40 Grad sprudelt.

Und in Jioujhihze wird das heiße Wasser in einer kleinen Badeanstalt zur Entspannung genutzt. Das Besondere an diesen Quellen: Trotz seines vulkanischen Ursprungs riecht das warme Wasser nicht nach Schwefel.

Fast 4000 Meter hohe Berge fallen steil in den Pazifik ab

Fast 4000 Meter hoch ragen die Berge in Taiwan. An der Ostküste reichen die steilen, bewaldeten Hänge bis direkt an den Pazifik. Die Küste ist spektakulär. Und während auf Meereshöhe bei Sonnenschein auch Ende Oktober locker Temperaturen bis 30 Grad erreicht werden, ist es über 2000 Metern meist wolkenverhangen und kühl. Es regnet oft.

Überreste der Holzfällerei: Eine Eisenbahn im immerfeuchten Bergwald

Bei einer Wanderung erkunden wir den Regenwald. Und stoßen plötzlich auf die bemoosten Überreste von Bahngleisen. Bis Ende der 70er-Jahre wurden hier die uralten Zypressen und Zedern abgeholzt, die teilweise nur auf Taiwan wachsen. Das wertvolle Holz wurde über Schienen und mit Seilbahnen bis an die 2000 Meter tiefer gelegene Küste transportiert.

Dort wurde es auf Schiffe verladen und nach Japan gebracht. Das Kaiserreich herrschte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1945 über die Insel. Die Erinnerung an die Holzfäller und ihre harte Arbeit in den Bergen wird rund um das Städtchen Luodong und im Taipingshan Nationalpark hochgehalten, auch wenn der Holzabbau längst zugunsten des Naturschutzes eingestellt wurde.

Die Mischung aus Wäldern, steilen Küsten und hohen Bergen ließ vor über 400 Jahren die Portugiesen mächtig staunen. Sie erreichten als erste Europäer die Insel und nannten sie Formosa – Insel der Schönheit. Wer Taiwan besucht, sollte seinen Aufenthalt nicht auf die Hauptstadt Taipeh mit ihren zweieinhalb Millionen Einwohnern beschränken, sondern auf Entdeckungsreise an die Küsten und in die Berge gehen.

Gedenkstätte für Chinas ehemaligen Präsidenten Chiang Kai-Shek

Die 21,1 Kilometer bieten ja auch jede Menge von dem, was man in Taipeh gesehen haben muss. Direkt nach dem Start geht’s vorbei an den riesigen Tempelhäusern, in denen Chinas ehemaliger Präsident Chiang Kai-Shek als zehn Meter hohe, sitzende Statue freundlich lächelnd auf die Besucher hinabblickt, die aber erst später am Tag zu Tausenden die Gedenkstätte ansteuern werden.

Das Monument ist in Taiwan angesichts der auch von dem chinesischen Führer im Zweiten Weltkrieg und im Bürgerkrieg gegen die Kommunisten begangenen Menschenrechtsverletzungen umstritten. Chiang Kai-Shek hatte sich nach der Niederlage seiner Kuomintang gegen die Kommunisten unter Mao Zedong 1945 von China aus nach Taiwan zurückgezogen. Die Insel ist durch die an der schmalsten Stelle 180 Kilometer breite Taiwan-Straße von China getrennt.

Amerikanisch geprägte Vorzeigedemokratie

Von der Insel aus, die gerade mal so groß wie Baden-Württemberg ist und auf der 23 Millionen Menschen leben, proklamierte er bis zu seinem Tod 1975 das Alleinvertretungsrecht Chinas durch seine Republik gegenüber der kommunistischen Volksrepublik auf dem Festland. International wurde seine Republik Taiwan aber angesichts der Machtverhältnisse – in der Volksrepublik China leben heute fast 1,4 Milliarden Menschen – von immer weniger Staaten anerkannt.

Heute pflegen grade mal 17 Staaten offizielle diplomatische Beziehungen zu Taiwan. Meistens sehr kleine Länder wie der Vatikan, Swasiland oder Tuvalu und Kiribati. Taiwan ist nicht Mitglied der Vereinten Nationen. Dennoch hat sich in dem Land seit dem Tod Chiang Kai-Sheks eine Demokratie entwickelt, die von vielen als vorbildlich für ganz Asien betrachtet wird.

Auf der Halbmarathon-Strecke durch Taipeh ist auch unübersehbar, dass Taiwan stark von den USA geprägt ist, die über Jahrzehnte seine Schutzmacht waren und die auch heute ein Beistandspakt mit Taiwan verbindet. Zwischen Kilometer vier und sieben laufen wir auf der Autobahn, die auf Stelzen durch das Stadtzentrum führt. Und wären die grünen Schilder nicht mit chinesischen Schriftzeichen versehen – es würde sich anfühlen wie in Los Angeles oder New York. Auf den Straßen unterhalb der für uns gesperten Autobahn fahren gelbe Taxis.

Richtig chinesisch geht es aber zu, wenn es dunkel wird. Auf den Nachtmärkten wird alles angeboten, was man essen kann: Von leckeren gefüllten Teigtaschen über alle Arten von Seafood bis hin zu Hühnerklauen, die nur aus Haut, Knochen und Krallen zu bestehen scheinen.

In Taipeh gibt es sogar noch Stadtviertel, die erkennen lassen, wie China aussah, bevor die Kulturrevolution über das Land hinwegrollte und bevor der Wirtschaftsboom auf Taiwan und in der Volksrepublik dafür sorgte, dass fast alles, was alt war, durch moderne Bauten ersetzt wurde. Am Tag vor dem Rennen sind wir durch die Dihua Street gebummelt, haben das Flair und chinesischen Tee genossen.

Prall gefüllter Beutel für alle Halbmarathon-Finisher

Die Strecke des EVA-Marathons führt allerdings nicht durch solch eng bebaute Straßen. Ab Kilometer sieben laufen wir nur noch am Fluss Keelung entlang, der auf beiden Seiten von weiten Wiesen, Rad- und Fahhradwegen gesäumt wird. Immer wieder bieten sich tolle Blicke auf die Architektur der modernen Brücken und der Hochhäuser mit dem „Taipei 101“ als Höhepunkt.

Bis dann etwas plötzlich und ohne große Vorankündigung das Ziel da ist. Das könnte etwas großzügiger gestaltet sein, aber dafür gibt es direkt danach einen Finisher-Beutel, der mit allen möglichen Leckereien prall voll ist. Und auch die Medaille ist außergewöhnlich: Sie ist einem Jet-Triebwerk nachempfunden – der Marathon in Taipeh wird eben von einer Fluggesellschaft veranstaltet.

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