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Frau Schmitts Kolumne
Vom Laufen mit sechs Beinen

| Text: Heidi Schmitt | Foto: Adobe Stock

Heidi Schmitt ist Läuferin und Autorin aus Leidenschaft. In ihrer Kolumne auf laufen.de schreibt sie über das, was sie beim Laufen erlebt. Diesmal: Übers Laufen mit Hund.

Es gibt Menschen, die träumen vom Baggerfahren. Oder davon, einmal nachts im Kaufhaus eingeschlossen zu sein. Ich träume vom Laufen mit Hund. Dass an meiner Seite nicht nur zwei Beine tappeln, sondern gleich vier.

Vor elf Jahren schaffte ich mir unter anderem deshalb einen Hund aus dritter Hand an und schien meinem Traum ganz nah zu sein. Das Tier hatte tatsächlich einiges Talent zum Laufen, erwies sich dann jedoch als eine Art Marco Reus unter den Hunden – zwei Kreuzbandrisse und viele weitere Blessuren bedeuteten sein vorzeitiges Karriere-Aus als meine Laufbegleitung.

Im letzten Jahr verließ er mich. „Run free!“ ruft man im englischsprachigen Raum nicht von ungefähr verstorbenen Hunden hinterher. Ich lief alleine weiter. Irgendwann fehlte auch mir ein Müller-Wohlfahrt, denn meine Entzündung an der Achillessehne wollte lange nicht heilen. Und mein Traum entschwand im Nirgendwo.

Der Hund hat Tempohärte. Und er nimmt seine Aufgabe ernst

Doch dann trat wieder ein Hund in mein Leben, wenn auch kein eigener. Das Tier, das ich tageweise betreue, schien Lust auf Laufen zu haben, und so versuchten wir es eines Tages. Ich knipste mir ein Band um die Hüfte, die damit fest verbundene Leine hat eine Expanderfunktion, damit es weder mich noch das Tier bei abrupten Tempowechseln auseinanderreißt.

Und so trabten wir los. Der Hund wurde rasch zum Hasen, da er offenkundig über mehr Tempohärte verfügt als ich. Und er nahm seine Aufgabe ernst. Sonst keinem kleinen Plausch unter Hunden abgeneigt, trabte er jetzt federnden Schrittes mit diensteifriger Miene selbst an seinen Erzfeinden vorbei. Eliud Kipchoge hielt schließlich auch nicht plötzlich zum Plaudern an – und nie, wirklich nie wäre er je in Versuchung geraten, bei einem anderen Läufer am Po zu riechen. Selbst, wenn er ihn kilometerlang vor sich sah. Das weiß auch mein Besuchstier.

Ohren, die im Wind flattern

Es gönnt sich einen gelegentlichen Toilettenstopp, sieht aber von der Verpflegung durch Gels, Bananen oder Cola vollkommen ab. Es zieht mich einfach nur hinter sich her und ich muss schneller laufen als mir lieb ist. Bester Laune fegt der Hund über Brücken, vor denen er eigentlich Angst hat, er ignoriert ihm unheimliche Dinge wie Rollschuhe oder Bierdosen, die auf Parkbänken knackend geöffnet werden.

Laufen baut Stress ab, das gilt für Mensch und Tier gleichermaßen. Seine Ohren flattern im Wind wie eine Sponsorenfahne an einer Verpflegungsstelle, wir laufen an Bluetoothboxen und Sonntagspicknicks vorbei. So muss laufen sein. Ein bisschen zu schnell für den aktuellen Leistungsstand, aber wirklich nur ein bisschen. Nicht allein, aber irgendwie doch. Mit alltäglichem Heldenstolz, den man teilen kann. Wir frühstücken gemeinsam und sehen uns tief in die Augen. „Wenn du mal wieder läufst, ich komm gern mit“, sagt mir das Tier. Ich glaub, ich träume.

Heidi Schmitt …

… ist Läuferin und Autorin aus Frankfurt, schreibt und läuft im stetigen Wechsel. Am liebsten über und bei Volksläufen in der Provinz, wo Läuferinnen und Läufer zwar selten mit einer Medaille, dafür aber mit Streuselkuchen belohnt werden. Auf laufen.de schreibt sie ganz offen, was sie denkt. Und wer mehr Frau Schmitt will, wird hier fündig: