Mehr Freiheit durchs Laufen

| Interview: Christian Ermert | Fotos: Marathon of Afghanistan, privat

Frauen und Mädchen, die in einem Land laufen, das in unseren Nachrichten fast nur mit Terror, Krieg, Unterdrückung und Gewalt vorkommt? Klingt unglaublich, aber es gibt tatsächlich einen Lauf über 42,195 Kilometer in Afghanistan, an dem in diesem Jahr mit der 36 Jahre alten Berlinerin Juliane Weymann auch eine Deutsche teilgenommen hat. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen am Hindukusch.

Juliane, wie kommt man eigentlich auf die Idee, bei einem Marathon in Afghanistan mitzulaufen?
Das ist eine etwas längere Geschichte. Ich laufe schon seit zwölf Jahren und bin beruflich für die GIZ, die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, tätig. Für die habe ich jahrelang in Liberia gearbeitet, einem Land in Westafrika, das nach mehreren Bürgerkriegen zu den ärmsten der Welt gehört. In der Hauptstadt Monrovia habe ich in der Organisation eines Marathons mitgearbeitet und dabei hautnah erfahren, welche positiven Auswirkungen das gemeinsame Laufen auch in großer Armut auf die Menschen und auf die ganze Gesellschaft hat. Von daher interessiere ich mich für Laufveranstaltungen, die in solchen Ländern helfen können, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Mit der Teilnahme wollte ich auch die Organisation Free to Run unterstützen, die es in Afghanistan besonders Frauen und Mädchen ermöglicht, Sport zu treiben, und ihnen damit neue Perspektiven eröffnet.

Wie funktioniert das denn deinen Erfahrungen nach?
Menschen, die eigentlich kaum positive Lebensperspektiven in ihrer Heimat haben, erleben im geschützten Raum von Sportveranstaltungen, dass sich Anstrengung lohnt und Ziele erreichbar sind. Wenn eine große Anzahl von Leuten diese Erfahrungen im Kollektiv macht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das auch positive Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Der Marathon in Afghanistan, bei dem auch kürzere Strecken angeboten werden, ist besonders für die Frauen wichtig. Sie erleben, dass Männer und Frauen bei diesem Sport gleichberechtigt sind. Beim Afghanistan-Marathon war es für manche von ihnen beispielsweise eine ganz neue Erfahrung, dass sie im Ziel entscheiden durften, ob sie sich umarmen lassen oder nicht.

Afghanistan ist ein gefährliches Land. Wir hören ständig von Bombenanschlägen, dem militärischen Vorrücken der Taliban und von Attentaten. Wie kann man dort einen Marathon veranstalten, ohne die Teilnehmer in Gefahr zu bringen?
In der Hauptstadt Kabul und weiten Teile des Landes wäre das sicher nicht möglich. Aber der Marathon fand in der Region Bamiyan statt. Das ist ein Hochtal, circa 180 Kilometer westlich von Kabul gelegen. Dort standen einmal die weltberühmten, bis zu 50 Meter hohen Buddha-Statuen, die im sechsten Jahrhundert nach Christus in den Sandstein gemeißelt wurden. Bis zu ihrer Zerstörung durch die Taliban im Jahre 2001 waren sie die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt und von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet. In der jüngeren Vergangenheit war es in dieser wunderschönen Landschaft auf fast 3000 Metern Höhe aber ruhig, sodass der Marathon dort stattfinden kann.

Marathon auf 3000 Metern über dem Meer? Da muss man ja auch physisch richtig gut vorbereitet sein ...
... ich habe mich darauf aber nicht speziell vorbereitet. Ich habe mein übliches Laufpensum absolviert und den Marathon bin ich dann zusammen mit zwei Afghaninnen langsam gelaufen. Schnell laufen kann man da sowieso nicht. Zu der dünnen Höhenluft kommt auch noch eine ziemlich anspruchsvolle Strecke. Wir sind meistens über Schotterpisten gelaufen, und es gab auch Passagen, wo so viele große Steine lagen, dass man nur mit einem geländetauglichen Allradfahrzeug durchkam. Wir haben insgesamt sechseinhalb Stunden gebraucht, normalerweise bin ich eher eine Vier-Stunden-Marathonläuferin.

Ist dieser Marathon vergleichbar mit Laufveranstaltungen, wie wir sie in Europa oder den USA kennen?
Natürlich ist es schon sehr anders. Aber das Laufen verbindet eben alle. Es gab auf der Strecke fünf Wasserstellen, die übrige Verpflegung musste man selbst mitbringen. Es ist aber sehr beeindruckend zu erleben, dass mittlerweile 350 Frauen aus Afghanistan den Marathon oder den dazugehörigen Zehn-Kilometer-Lauf absolvieren. Als 2015 der Marathon zum ersten Mal stattfand, war nur eine Frau am Start. Zainab, deren Nachname aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden darf, war die erste Afghanin, die in ihrem eigenen Land einen Marathon lief.

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