Für wen ist dieser Schuh geeignet?
Der Carbonrennschuh soll nicht nur die Weltelite schneller machen, sondern Marathonläuferinnen und -läufer aller Leistungsklassen bis ins Ziel unterstützen. Der Nike Alphafly 4 Test zeigt: Der Schuh bleibt ein spezialisierter Wettkampfschuh für lange Straßenrennen und spielt seine größte Stärke im Halbmarathon und Marathon aus. Durch das weichere, stabilere und ruhigere Laufgefühl spricht die neue Generation allerdings noch mehr Läuferinnen und Läufer an als ihre Vorgänger. Wer die sehr direkte und aggressive Abstimmung eines klassischen Carbonschuhs sucht, könnte den Alphafly weiterhin als vergleichsweise voluminös empfinden. Interessant ist er vor allem für ambitionierte Läuferinnen und Läufer, die maximale Dämpfung mit hoher Energierückgabe verbinden möchten. Die zusätzliche Stabilität könnte besonders Marathonfans entgegenkommen, deren Laufstil bei zunehmender Ermüdung unsauberer wird.
Der Nike Alphafly 4 im Detail
- für Asphalt geeignet
- komfortable Dämpfung
- führt den Fuß moderat bis zum Abdruck
- sehr hohes Lauftempo konstruiert
- sehr reaktiver Laufschuh
- Gewicht: 210 g (Herren US10), 168 g (Damen US8)
- Sprengung: 8 mm
- UVP des Herstellers: 275 US-Dollar
Unser ausführlicher Testbericht
Der Nike Alphafly 4 Test: Spätestens nach 30 Kilometern verändert sich im Marathon vieles. Die Beine werden schwerer, der Schritt verliert an Dynamik und ein zuvor sauberer Laufstil beginnt auseinanderzufallen. Auch für diese Phase hat Nike den Alphafly 4 entwickelt. Der neue Superschuh soll nicht bloß dabei helfen, ein hohes Tempo zu erreichen, sondern Geschwindigkeit und einen effizienten Bewegungsablauf möglichst lange aufrechtzuerhalten.
Dafür wurde praktisch jedes wichtige Bauteil überarbeitet: Obermaterial, Air-Zoom-Elemente, Carbonplatte, Mittel- und Außensohle. Das Ergebnis soll nach Angaben von Nike zehn Prozent mehr Energierückgabe bieten als der Alphafly 3. Gleichzeitig ist die vierte Generation fünf Prozent – je nach Größe rund zehn Gramm – leichter.
Nike spricht von der größten Weiterentwicklung in der bisherigen Geschichte des Alphafly. Tatsächlich wurde nicht nur an einzelnen Details gearbeitet, sondern am Zusammenspiel des gesamten Schuhs.
Ein Alphafly für Zwei- und Vier-Stunden-Läufer?
Seit der erste Alphafly 2020 auf den Markt kam, gehört das Modell zu den auffälligsten Marathonschuhen. Anfangs wurde er vor allem mit Rekorden und der Weltelite verbunden. Inzwischen ist er bei großen Marathons im gesamten Feld zu sehen. Doch kann derselbe Schuh tatsächlich einem Zwei-Stunden-Profi und einem vier oder fünf Stunden laufenden Hobbyathleten gerecht werden? Körpergewicht, Muskelkraft, Laufstil, Bodenkontaktzeit und Ermüdung unterscheiden sich schließlich erheblich.
Nike habe sich deshalb auf Bedürfnisse konzentriert, die alle Marathonläufer gemeinsam haben, erklärt Bret Schoolmeester, Vice President Nike Running Footwear: geringes Gewicht, hohe Energierückgabe und ausreichend Stabilität. „Die Laufmechanik verändert sich in der späten Phase eines Marathons selbst bei den Besten der Welt“, sagt Schoolmeester. Zusätzliche Unterstützung und Stabilität würden dann allen helfen. Besonders deutlich sei dieser Wunsch zunächst aus dem Mittelfeld gekommen. Tests hätten jedoch gezeigt, dass auch die Elite davon profitiert.
Dabei soll es keine entscheidende Rolle spielen, ob jemand über Vor-, Mittel- oder Rückfuß läuft. Die Konstruktion ist darauf ausgelegt, bei unterschiedlichen Laufstilen einen flüssigen Übergang und eine effiziente Bewegung nach vorn zu ermöglichen.
Neue Schaumkombination für mehr Energierückgabe
Das wichtigste Update steckt in der Mittelsohle. Neben dem bekannten ZoomX verwendet Nike erstmals den neuen ZoomX-LT-Schaum. Dieser ist bis zu 17 Prozent leichter als herkömmlicher ZoomX-Schaum und soll acht Prozent mehr Energie zurückgeben.
Die unterschiedlichen Schäume liegen ober- und unterhalb der Carbonplatte. Das System wirkt weicher und federnder, soll aber gleichzeitig genügend Kontrolle bieten. Nike verspricht deshalb ein ruhigeres und gleichmäßigeres Laufgefühl als beim Alphafly 3.
Nike Alphafly 4 Test: Breitere Carbonplatte bringt Stabilität
Die durchgehende Carbonfaserplatte behält die für den Alphafly typische, stark gebogene Form. Ihre Basis wurde jedoch verbreitert. Damit soll sie nicht nur den Vortrieb unterstützen, sondern den Fuß besser führen und seitliches Wegkippen reduzieren.
Das ist gerade auf den letzten Kilometern interessant. Ein extrem aggressiver Superschuh kann viel Dynamik entwickeln, verlangt ermüdeter Muskulatur aber teilweise zusätzliche Stabilisierungsarbeit ab. Beim Alphafly 4 sollen Vortrieb und Führung stärker zusammenspielen. Die überarbeitete Geometrie soll zudem einen flüssigeren Abrollvorgang ermöglichen.
Air Zoom arbeitet jetzt leiser
Unter dem Vorfuß sitzen weiterhin zwei Air-Zoom-Elemente. Sie gehören seit der ersten Generation zum charakteristischen Aufbau des Alphafly und sorgen für das markante, federnde Gefühl beim Abdruck. Für den Alphafly 4 wurden sie neu abgestimmt und enger mit Schaum und Carbonplatte verzahnt.
Dabei ging es nicht nur um Leistung. Viele Alphafly-Modelle waren beim Aufsetzen deutlich zu hören. Auch Nike störte sich laut Schoolmeester an diesem Geräusch. Die neue Generation soll wesentlich leiser laufen.
Das verändert zwar nicht direkt die Laufökonomie, macht das Laufgefühl aber angenehmer. Schoolmeester nennt augenzwinkernd noch einen Vorteil: „Wer auf den letzten Metern einen Konkurrenten überraschen möchte, kündigt seinen Angriff künftig nicht mehr von Weitem akustisch an.“
Neues Atomknit und neue Außensohle
Auch das Atomknit-Obermaterial wurde neu konstruiert. Es ist weich, atmungsaktiv und kommt ohne störende Nähte aus. Das Obermaterial verbindet zwei Anforderungen, die bei Marathonschuhen nicht immer problemlos zusammenpassen: möglichst wenig Gewicht und ausreichend Komfort für mehr als 42 Kilometer. Gerade im Vorfuß muss genügend Platz bleiben, wenn der Fuß während eines langen Rennens anschwillt, ohne bei höherem Tempo an Halt zu verlieren.
Warum die Entwicklung länger dauerte
Zwischen dem Alphafly 3 und seinem Nachfolger liegt ein ungewöhnlich langer Entwicklungszeitraum. Nike wollte das neue Modell nach eigener Aussage erst veröffentlichen, wenn eine deutlich mess- und spürbare Verbesserung erreicht worden war.
Schoolmeester vergleicht die Entwicklung mit dem Backen: Das Ergebnis werde nicht allein durch neue Zutaten besser, sondern vor allem durch die Art, wie sie miteinander kombiniert werden. Nike verfügt mit verschiedenen Schäumen, Air-Elementen, Carbonplatten und Obermaterialien über einen großen Baukasten. Beim Alphafly 4 bestand die Aufgabe darin, diese Komponenten neu aufeinander abzustimmen.
In die Entwicklung flossen Rückmeldungen aus mehreren Alphafly-Generationen ein. Hinzu kamen Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt Dreamweaver, umfangreiche Tests mit Frauen sowie Erfahrungen von Läuferinnen und Läufern unterschiedlicher Leistungsklassen.
Den Nike Alphafly 4 gibt es seit dem 17. September zunächst in einer limitierten Auflage. Ab dem 29. Oktober soll er in größerer Stückzahl über nike.com und ausgewählte Händler erhältlich sein.