Olympia verschoben: So reagieren unsere Top-Marathonläufer

| Text: Jörg Wenig | Fotos: imago images/Beautiful Sports

Vor wenigen Tagen hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Kooperation mit der japanischen Regierung aufgrund der Coronavirus-Krise die Olympischen Sommerspiele in Tokio auf das Jahr 2021 verschoben. Geplant ist, die Spiele spätestens im Sommer 2021 in der japanischen Hauptstadt nachzuholen. Während es voraussichtlich noch einige Zeit dauern wird, bis ein neuer Termin feststeht, bestätigte das IOC inzwischen gegenüber verschiedenen internationalen Medien, dass sich Athleten, die die Qualifikation für die Spiele in diesem Sommer geschafft hatten, nicht noch einmal neu qualifizieren müssen. Die entsprechenden Leistungen zählen auch für das Jahr 2021. Hendrik Pfeiffer (TV Wattenscheid), Arne Gabius (Therapie Reha Bottwartal), Katharina Steinruck (Eintracht Frankfurt), Tom Gröschel (TC Fiko Rostock), Anna und Lisa Hahner (SCC Events Pro-Team Berlin), Philipp Pflieger (LT Haspa Marathon Hamburg) und der Österreicher Valentin Pfeil. Wie sie damit umgehen und welche Auswirkungen die Corona-Krise auf ihr Leben und ihr Training hat, liest du hier.

Hendrik Pfeiffer: „Die Gesundheit ist wichtiger"

Hendrik Pfeiffer wurde im Februar in Sevilla mit einer starken persönlichen Bestzeit von 2:10:18 Stunden zum achtschnellsten deutschen Marathonläufer aller Zeiten. Er konnte sicher davon ausgehen, seine ersten Olympischen Spiele zu erleben. Er sagt:

„Ich befürworte die Entscheidung, dass die Olympischen Spiele verschoben wurden. Wir als Leistungssportler müssen uns jetzt mit der Gesellschaft solidarisch zeigen. Die Gesundheit der Menschen ist wichtiger als das Festhalten an den Spielen, bei denen Menschen aus aller Welt zusammen kommen. Wenn danach das Virus in deren Heimatländern weiter verbreitet wird, könnte das keiner verantworten.

Ich war zwar qualifiziert, aber es wurde auch eine Frage der Fairness. Es hätte sicherlich einen Schatten auf die Wettkämpfe geworfen, wenn ein Teil der Athleten gar keine Chance mehr bekommen hätte, sich zu qualifizieren. Für mich persönlich bedeutet das jetzt, abzuschalten und erstmal eine Saisonpause einzulegen, bis wieder Wettkämpfe absehbar werden. Ich halte mich erstmal nur mit Dauerläufen nach Lust und Laune fit und trainiere ohne festen Trainingsplan.

Ich würde mir 2021 einen Olympia-Termin wünschen, der nicht in die Hitzezeit fällt, damit auch wir Marathonläufer und Geher in Tokio dabei sein können und nicht ausgelagert werden.“

Arne Gabius: „Es hätte keinen Sinn gemacht"

Arne Gabius, der mit 2:08:33 Stunden den deutschen Marathon-Rekord hält und der einzige deutsche Läufer ist, der in den letzten knapp 30 Jahren Zeiten von unter 2:10 Stunden erreicht hat, wollte sich beim Vienna City Marathon am 19. April für den Olympia-Marathon qualifizieren. Er sagt:

„Die Olympischen Spiele zu verschieben, das ist eine logische und faire Entscheidung. Spiele zu veranstalten, während in anderen Teilen der Welt katastrophale Zustände herrschen, das geht nicht. Ich war zunächst erst einmal froh, als die Spiele verschoben wurden. Ich selbst hätte gar keine Chance mehr gehabt, mich noch zu qualifizieren. Das galt für all jene Marathonläufer, die auf ein Frühjahrsrennen gesetzt hatten. Als bekannt wurde, dass der Wien-Marathon nicht stattfinden wird und dann Italien dicht war, hatte ich erwartet, dass es mit Olympia in diesem Jahr nichts werden wird. Es hätte keinen Sinn gemacht. Es wäre auch deswegen nicht fair gewesen, weil die Trainingsbedingungen ganz unterschiedlich sind. Hinzu kommt noch die Dopingtest-Problematik. Das IOC hat sich mit der Absage allerdings zu lange Zeit gelassen. Es war mutig und ein gutes Zeichen, dass sich zuvor schon Athleten und nationale Verbände klar positioniert hatten für eine Verschiebung der Spiele.

Ich denke, es wäre klug, sich jetzt etwas Zeit zu lassen mit der Terminierung der Spiele im nächsten Jahr. Man sollte ein bisschen mehr Erfahrungen sammeln mit dem Coronavirus. Vielleicht gibt es ja im März/April 2021 eine zweite Viruswelle. Das IOC sollte daher in Erwägung ziehen, die Spiele in den Zeitraum September bis November zu legen. Da wären auch die Temperaturen besser.“

Katharina Steinruck: „Froh, dass die Spiele nicht abgesagt wurden"

Katharina Steinruck ist die einzige deutsche Marathonläuferin, die die internationale Olympianorm zweimal unterboten hat. Beim Mainova Frankfurt-Marathon steigerte sie sich im vergangenen Oktober zunächst auf 2:27:26 Stunden, in Osaka rannte sie im Januar dann 2:28:48. Sie hatte sehr gute Chancen, zum ersten Mal bei Olympischen Spielen zu starten. Sie sagt:

„Die Olympischen Spiele zu verschieben, war die einzig richtige Entscheidung. In der momentanen Situation wäre es unverantwortlich, solche Großveranstaltung mit Massen von Menschen stattfinden zu lassen. Selbst wenn sich die Situation bis zum Sommer deutlich gebessert hätte, hätte es keine fairen Voraussetzungen unter den Sportlern gegeben: manche können trainieren, manche nicht. Und der Sport steht nun mal - eigentlich - unter dem Zeichen der Fairness.

Ich bin froh, dass die Spiele verschoben und nicht abgesagt wurden - das war das Positive dabei. Zunächst einmal war ich traurig, dass Olympia in diesem Jahr nicht stattfindet. Denn alles war auf die Olympischen Spiele in diesem Sommer ausgerichtet. Das trifft einen natürlich. In der Zwischenzeit gab es die gute Nachricht, dass Qualifikationen und Normen ihre Gültigkeit behalten. Meine Frankfurter Marathonzeit gilt also auch für die Spiele 2021. Und bis dahin werde ich sicherlich noch mal einen Marathon laufen. Ich hoffe, dass das im Herbst der Fall sein wird, wenn dann wieder Rennen stattfinden können. Vielleicht kann ich mich dann noch einmal verbessern.

Am besten wäre natürlich, wenn die Spiele im Herbst oder im Frühjahr stattfinden würden, denn dann wäre es nicht so heiß. Aber das wird sicher nicht passieren, ich rechne mit einem Sommertermin. Vielleicht kann man wenigstens die Startzeit in die sehr frühen Morgenstunden legen. Warum nicht um 5 oder 6 Uhr? Bei der WM in Doha ging es ja auch um Mitternacht.“

Tom Gröschel: „Eine Verschiebung ist am sinnvollsten"

Tom Gröschel hatte sich nach einer längeren Verletzungspause erfolgreich zurückgemeldet. Zweimal in Folge hatte er die Deutsche Marathon-Meisterschaft gewonnen. Diesen Titel wollte er in Hannover verteidigen und dort auch die Olympia-Norm unterbieten. Er sagt:

„Ich bin im Februar immerhin Halbmarathon-Bestzeit gelaufen, und auch das Trainingslager in Kenia lief sehr, sehr vielversprechend. Umso größer war natürlich auch für mich die Enttäuschung, dass Stück für Stück alle meine angepeilten Rennen abgesagt wurden. Somit war die Qualifikation für die Olympischen Spiele für mich schon früh in weite Ferne gerückt. Mit der verfrühten Abreise aus Kenia wurde mir bewusst, dass die Olympischen Spiele nicht im normalen Rahmen stattfinden können. Wenn es trotzdem so geschehen wäre, hätte ich meinen Traum von Olympia so nicht erleben wollen.

Ich habe mittlerweile ein wenig Abstand zum ganzen Thema Laufen genommen. Ich bin bei meinen Eltern in Mecklenburg und werde ab nächster Woche erstmal wieder als Polizist arbeiten. Dies ist für mich aktuell die sinnvollere Variante. Dort kann ich helfen und habe wieder eine Aufgabe. Das Trainieren für Wettkämpfe in ferner Zukunft ist absolut nicht mein Ding.

Ich fände eine Verschiebung auf den Sommer 2021 am sinnvollsten. Dann könnte man die aus diesem Jahr geplanten Trainingslager und Wettkämpfe einfach kopieren. Je nach dem wie schnell man die Situation mit dem Virus in den Griff bekommt, kann ich vielleicht in diesem Herbst und im nächsten Frühling noch mal einen Marathon laufen und werde dann die Qualifikation anstreben. Ob sich jetzt der Qualifikationsmodus ändert, wird sich an anderer Stelle entscheiden.“

Anna und Lisa Hahner: „Es ist die einzig richtige Entscheidung"

Anna und Lisa Hahner hatten sich mit einer Kette von Trainingslagern in Norwegen, Neuseeland und Äthiopien vorbereitet, um dann in Hannover am 26. April einen Qualifikationsversuch zu unternehmen. Anna Hahner hatte offenbar die besseren Chancen, Olympia noch zu erreichen. Sie sagen:

„Die ganze Welt ist gerade im Ausnahmezustand. Das oberste Ziel ist es, die Kurve der Neuinfizierten abzuflachen. Normales Training und eine angemessene Vorbereitung sind nicht mehr möglich, es finden keine Qualifikationswettkämpfe statt, und unter diesen Umständen ist es die einzig richtige Entscheidung, die Spiele zu verschieben. Die Olympischen Spiele sollen ein fairer und sportlicher Wettstreit der Nationen dieser Welt sein, ein Fest des Sports für die Athleten, die Zuschauer und die ganze Welt und das wäre in diesem Sommer nicht möglich gewesen.

Anfang des Jahres hätten wir uns dieses Szenario in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Wir haben seit Herbst letzten Jahres alles darauf ausgerichtet, dass wir im Frühjahr einen schnellen Marathon laufen werden. Dinge, die wir nicht ändern können, können wir nur akzeptieren. Die Spiele wurden verschoben und somit müssen wir uns bewusst ein neues Ziel setzen. Man kann das Ziel nicht einfach beliebig verlängern. Jetzt heißt es erst mal durchatmen, weiter trainieren und mit unseren Trainern einen neuen Plan machen. Das neue Ziel heißt definitiv Tokio 2021.

Für uns Marathonläufer wäre ein Termin schön, wenn es nicht zu heiß in Tokio ist, so dass die Marathon-Wettbewerbe auch wie ursprünglich geplant in Tokio stattfinden können und nicht nach Sapporo verlegt werden müssen.“

Philipp Pflieger: „Die Situation ist für alle Sportler bitter"

Philipp Pflieger zeigte, dass er auf einem guten Weg war im Hinblick auf seinen Frühjahrs-Marathon, den er am 19. April in Hamburg laufen wollte. In Barcelona steigerte er sich im Februar über die Halbmarathon-Distanz auf 62:50 Minuten. Die Olympia-Norm von 2:11:30 Stunden schien möglich für den Regensburger. Er sagt:

„Es hat gedauert, länger als viele für nachvollziehbar und vertretbar gehalten haben und doch ist es am Ende die richtige Entscheidung, die Olympischen Spiele auf 2021 zu verschieben. Es gibt gegenwärtig ein allumfassendes Problem, das die Welt in Atem hält und Sport nebensächlich erscheinen lässt. Selbstverständlich ist die Situation für alle Sportler bitter, für manche sogar mehr als für andere, denn hier zerplatzen gerade sicherlich auch Lebensträume. Nicht jeder kann und wird nächstes Jahr dabei sein können. Ich hoffe dennoch, dass wir alle zusammen die Corona-Krise überstehen und im besten Falle gestärkt daraus hervorgehen. Dann kann auch der Sport in seiner Vielfalt wieder Alltag werden und die Olympischen Spiele in Tokio 2021 hoffentlich das globale Sportfest werden, das es immer sein sollte.

Ich fürchte ein früher Termin 2021 könnte den Qualifikationsprozess negativ beeinträchtigen, da wir im Moment noch nicht wissen ob im Herbst Marathonläufe wieder stattfinden können und dementsprechend eine Frühjahrs-Marathonsaison 2021 noch notwendig werden könnte. Grundsätzlich wäre ein Termin im Juli/August als Saisonhöhepunkt nicht verkehrt, würde aber natürlich zu Problemen mit der WM in Eugene führen. Vielleicht könnte auch eine Verlegung in den Herbst, vielleicht in den September, eine Option sein. Fußball-EM sowie Leichtathletik- und Schwimm-WM wären dann schon vorbei und genügend Zeit für die Qualifikation für alle Sportarten und Disziplinen sollte dann auch gegeben sein.“

Valentin Pfeil: „Es ist eine Erleichterung"

Valentin Pfeil war nach einer Verletzungspause auf dem Weg zurück. Der Österreicher wollte am 19. April beim Vienna City Marathon starten. Dort hatte er sich im vergangenen Jahr bereits auf 2:12:55 Stunden verbessert. Er sagt:

„Die Entscheidung des IOC wurde spätestens dann notwendig, als durch international unterschiedliche Restriktionen im Training keine fairen Verhältnisse mehr gegeben waren. Zudem wurden keine oder nur mehr selektive Trainingskontrollen seitens der jeweiligen NADA (Nationale Anti-Doping-Agenturen) durchgeführt. Darüber hinaus hätte es bezüglich der Qualifikation, durch Streichung der Wettkämpfe davor, ein großes Chaos gegeben.

Die Verschiebung seitens des IOC, welche bei der Dimension der Veranstaltung sicherlich keine leichte war, wurde rückblickend auch aufgrund massiven Drucks seitens der Athleten doch relativ zügig ausgesprochen. Aus medizinisch-epidemiologischer Sicht war es nach aktuellem Wissensstand anscheinend die einzig mögliche Variante.

Für mich war die Absage schlussendlich eine Erleichterung. Nach der ersten Absagewelle diverser Sportveranstaltungen, darunter auch die der Frühjahrs-Marathonrennen, war es für mich als noch nicht qualifizierter Athlet zunächst nicht klar ob es das schon gewesen sein könnte. Jetzt hat jeder noch eine Chance bekommen.

Der Marathonläufer in mir würde sich einen Termin im Herbst wünschen mit dem Rennen in Tokio, aber insgesamt überwiegen die Argumente für Juli und August. Wobei dann wiederum unter anderem die Leichtathletik-WM verschoben werden sollte.“

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