Tägliches Laufen: Stop the Streak?!

| Text: Matthias Marquardt | Foto: iStock, Redaktion laufen.de

Tägliches Laufen ohne Pause ist in. „Sportmedizinisch betrachtet sind Streaks Mist“, sagt Laufexperte Dr. Matthias Marquardt, „aber ich kann verstehen, dass viele Spaß daran haben.“ Was sind die Vor- und Nachteile des Streakens und wie streakt man richtig?

Es ist wieder soweit. Das neue Jahr hat begonnen, die neue Dekade sogar, und wie jedes Jahr versuchen Menschen durch gute Vorsätze, das Beste aus sich herauszuholen. Die Fitnessstudios sind voll, Eiweißshakes werden gerührt, Schnitzel gegen Tofu getauscht und für das regelmäßige Lauftraining wurden – anders kann man heute leider keinen Sport betreiben – 350 Euro in eine Sportuhr und 400 Euro in Laufschuhe, Jacke, Trikot und Hose investiert. Was daraus in aller Regel wird, ist bekannt. Da ein echter Läufer aber schon mindestens 2000 Euro in Schuhe, Jacken und Uhren investiert hat, muss er auf anderem Wege das Beste aus sich herausholen.

Als erstes wäre hier die Anmeldung für Tokio-, New York- oder London-Marathon zu nennen. Sind diese Prestige-Rennen aufgrund von Flugscham, leerem Konto oder Buchungsstatus nicht umsetzbar, so bleibt nur noch der 87 Kilometer Ultra-Trail mit 5.000 Höhenmeter bei drei Grad und Regen durch irgendein deutsches Mittelgebirge. Ihr kennt ja die Flucht auf die lange Distanz.: Je weniger ich läuferisch auf die Kette kriege, desto länger, bergiger und matschiger muss das Rennen werden, um den Bürokollegen in den 2020ern noch ein „Wow“ zu entlocken.

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Running 2020: Von einem Streak in den nächsten

Du hast weder Bock auf das eine, noch auf das andere, aber irgendetwas Lebensveränderndes, Instagramtaugliches muss am Anfang des Jahrzehnts dennoch her? Kein Problem. Für diese Situation ist Streak-Running wie gemacht. Streak-Running ist, wie soll es anderes sein, eine amerikanische Erfindung. Die „United States Running Streak Association“ wurde laut Wikipedia 2000 gegründet und vereinigt Läufer, die möglichst lange Serien täglicher Läufe absolvieren möchten. Das Regelwerk sieht für die täglichen Läufe vor, dass mindestens eine zusammenhängende Meile (1,6 km) ohne technische Hilfsmittel und ohne fremde Hilfe gelaufen wird. Laut Wikipedia muss auch zwischen 0 und 24 Uhr gelaufen werden (Möglicherweise bin ich noch nicht lange genau am Stück gelaufen, um eine nicht erlaubte Uhrzeit in dieser Regelung zu entdecken).

Ziemlich unamerikanisch ist zwar, dass man für Streak-Running überhaupt nichts einkaufen muss, sehr amerikanisch hingegen, dass es eine neue Abwandlung von schneller, höher weiter ist. Und die ist sowas von Social Media tauglich, dass sie immer mehr Anhänger findet. Vor Weihnachten gab es die „Advent-Streaks“. Das bedeutete aber nicht etwa nur täglich zu laufen, sondern die ganz Harten setzten an jedem Dezembertag bis Weihnachten das Tagesdatum in Laufkilometer um. Nach Weihnachtsgans und Silvester-Knock-out befinden sich die „Täglich-Läufer“ nun in Ihrem Januar-Streak und rennen jeden Januartag ohne Pause.

Ich weiß, liebe Läufer, ihr wollt Spaß haben. Etwas machen, das euch verändert. Etwas, das Bock bringt. Eine Challenge. Das ist okay. Sportmedizinisch stellen sich mir aber, und einer muss es ja mal sagen, die Nackenhaare auf.

Warum Streaks Mist sind

1) Mit einem verantwortungsvollen, gesunden Training haben Streaks nichts zu tun. Das Immunsystem wird durch Dauerbelastungen ohne Entlastung geschwächt. Infekte können sich häufen.

2) Ohne Regeneration bleiben gute Leistungsentwicklungen aus, die Trainingsphysiologie wird mit Füßen getreten. Gute Wettkampfergebnisse im weiteren Saisonverlauf werden gefährdet.

3) Orthopädische Überlastungen, von denen man sich unter Umständen über Monate oder Jahre nicht erholt, sind eine besondere Gefahr der Streaks. Warum sollte ich mit der schmerzenden Achillessehne nicht noch fünf Kilometer laufen, wenn ich einen wochen- unter Umständen jahrelangen Streak beende? Und je länger der Streak, desto größer wird diese mentale Gefahr.

4) Der Streak-Tunnelblick kann dazu führen, dass man Infekte kleinredet, mit denen man sonst zu Hause geblieben wäre. Da rennt einer unter Umständen mit 38°C Fieber noch fünf Kilometer, nur um nicht aufzustecken. Das ist gemeingefährlich.

So, das musste mal raus. Ich finde Streaks sind Mist. Ich möchte aber gar nicht verhehlen, dass meine tägliche Arbeit an überlasteten, lädierten Achillessehnen und Kniegelenken meine Auffassung mitgeprägt hat. Und vielleicht weiß ich, durch allerlei orthopädische Malaisen derart gehandicapt, dass ich kaum zwei Tage am Stück laufen kann, einfach nicht wie geil es ist zu streaken. Denn, soviel muss ich zugestehen: Wenn Streaks zu 100 Prozent blöd wären, würd‘s wohl keiner machen.

Warum Streaken so geil ist

1) Für die Motivation und das Durchhaltevermögen des Einsteigers ist es ein Kracher, wenn das, womit man vor sich selbst und anderen angibt, mit jedem durchgehaltenen Tag wertvoller wird. Kein verdruckstes „Letzte Woche wollte ich acht kg abnehmen, hab aber nur 350 Gramm geschafft“, sondern „Ich renne seit sechs Wochen jeden Tag, ohne Pause“. Das reicht, um die Kinnlade des Kollegen und vor allem die vom inneren Schweinehund runterklappen zu lassen. Die ersten zwölf Wochen, die notwendig sind, um neues Verhalten zu etablieren, schafft man so leichter ohne Durchhänger.

2) Auch die Erfahreneren, die einen neuen Kick bei ihrem liebsten Hobby suchen, ist streaken natürlich eine Abwechselung, bei der man sich selbst völlig neu kennenlernt. Streaken ist so ein bisschen wie der Swingerclub des Läufers.

3) Alle Influencerchen bringt so ein Streak endlich Content und ganz viel Emotionen in den Account. Das nützt uns doch allen. Gott sei Dank!

4) Weil es einfach Bock macht, sich mit anderen Läufern in eine Challenge zu begeben, sich zu vernetzen, sich anzutreiben, und Dinge zu tun, die nicht vernünftig sind. Einfach, weil es geil ist.

Du willst jetzt auch streaken? Dann lies bitte, was du beachten musst. Wir haben gelernt, dass das große Pfund des Streakens die Motivation ist. Das Dranbleiben um jeden Preis hilft vielen durch schwierige Motivationslöcher. Und diese neuen Erfahrungen macht Läufern richtig Spaß! Aber darin liegt eben auch die Gefahr. Dranbleiben, wenn du es eigentlich nicht solltest. Wegen der Sehnen und Gelenke, oder wegen eines Infektes.

Kein Streak für Einsteiger

Wer sollte auf keinen Fall streaken? Alle, die in den letzten zwei Jahren orthopädisch verletzt waren, lassen bitte vom Streaken die Finger. Und auch wenn es motivational noch so verlockend ist: Anfänger streaken bitte auch nicht. Das endet fast zwangsläufig im orthopädischen Desaster und der Sporteinstieg endet im großen Frust. Streaken ist etwas für Läufer mit mehrjähriger Erfahrung und vor allem ohne orthopädische Probleme.

Lege vor dem Streak für dich, deine Familie und deine Sportkameraden fest, wann du aussteigen wirst. Bei Fieber wird der Streak sofort abgebrochen! Ohne Diskussion. Bei Schmerzen in den Gelenken und Sehnen, die länger als eine Woche anhalten, solltest du mit einem lauferfahrenen Sportarzt bereden, ob der Streak fortgesetzt werden kann, oder ob er zum Schutz deiner Gesundheit abgebrochen werden muss.

Unser Experte Matthias Marquardt

Dr. Matthias Marquardt ist Internist und anerkannter Sportmediziner. Er verfasste den Bestseller „Die Laufbibel“ und ist ein gefragter Experte für Motivation, Gesundheit, Ernährung und Work-Life-Balance. Dr. Matthias Marquardt praktiziert in eigener Praxis in Hannover. Sein besonderes Steckenpferd ist die Ernährungsmedizin. Er gilt als einer der führenden Medizinier in Sachen Mikronährstoffversorgung bei Sportlern.

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